Musik für den Frieden

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Jedes Jahr am ersten Wochenende der bayerischen Sommerferien erlebt Nürnberg ein Phänomen: Drei Tage lang, heuer vom 1. bis 3. August 2014, bewegen sich rund 200 000 fröhliche Menschen durch die Altstadt, lachen, singen, tanzen oder lauschen verzückt der Musik, die „umsonst & draußen“ von neun in der Innenstadt verteilten Bühnen erklingt. Es ist wieder Bardentreffen, Deutschlands größtes Weltmusikfestival, und zugleich Nürnbergs immer wiederkehrendes Sommermärchen.

368 Künstlerinnen und Künstler aus 31 Ländern sind diesmal von der Stadt Nürnberg eingeladen worden. Und weil die 39. Ausgabe des Bardentreffens genau 100 Jahre nach einem die Welt erschütternden Ereignis stattfindet, widmet sie sich einem Thema, das der sommerlichen Leichtigkeit ein starkes politisches Gewicht verleiht: Krieg und Frieden. Zuerst Russland und dann Frankreich hatte Deutschland am 1. und am 3. August 1914 den Krieg erklärt, der sich zum Ersten Weltkrieg auswuchs und dem ein Zweiter folgte. Wir hier in Deutschland haben die vergangenen 70 Jahre in Frieden leben können, aber das ist anderen Regionen der Welt leider nicht vergönnt. Das Weltmusikfestival greift auf, welchen musikalischen Niederschlag das Thema Krieg und Frieden in den heutigen Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt – von Mali bis Syrien – findet und wie deutschsprachige Songschreiber Konflikte sozialen, religiösen und militärischen Ursprungs verarbeiten.

Zum Festivalauftakt hat sich eine bekannte Sängerin aus dem Nahen Osten angekündigt: Achinoam Nini, international unter ihrem Künstlernamen Noa bekannt. 2009 vertrat die jemenitische Jüdin ihr Heimatland Israel gemeinsam mit der palästinensischen Christin Mira Awad beim Eurovision Song Contest. Immer wieder nutzt Noa die Bühne, um sich für den Frieden in Nahost stark zu machen. Die in Mali ansässige Band Tamikrest widmete ihren Hit „Chatma“ („Schwester“) den Tuareg-Frauen, die in der sich zuspitzenden Krise in Mali das Überleben ihrer Kinder und die Moral ihrer Familien sicherten.

Über die Grenzen Bosnien-Herzegovinas hinaus macht sich das Dubioza Kolektiv einen Namen mit Songs, die thematisch zwischen der schwierigen politischen Situation im eigenen Land, Rassismus, Nationalismus und Intoleranz pendeln. Mit dem Briten Billy Bragg steht einer der prominesten politisch ambitionierten Sänger und Songwriter auf der Bühne, der gegen die Auswüchse des Kapitalismus wettert und sich gegen rechtsextreme Kräfte in seinem Land engagiert.

Die in Beirut geborene Sängerin Yasmine Hamdan und ihre Band „Soapkills“ richten mit dem Bandnamen an Hamdans Landsleute die sarkastische Anspielung, die blutrünstige Vergangenheit abzuwaschen. Das Mailänder Folk-Sextett Barabàn befasst sich inhaltlich mit der Widerstandsbewegung im faschistischen Italien und Liselotte Hamm et Jean-Marie Hummel aus dem Elsass erzählen die wechselhafte Geschichte der deutsch-französischen Grenzregion.

Neben vielen internationalen Musikern sind auch kritische Stimmen aus Deutschland zu hören. Kai Degenhardt wuchs mit den Liedern seines Vaters Franz Josef Degenhardt, aber auch mit Folk, Rock, Punk, Wave und Reggae auf. Für Nürnberg hat er ein spezielles Songprogramm erarbeitet, das um die Themen (sozialer) Frieden und vergessener Krieg kreist. In Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs schlägt der aus der „Friedenstadt“ Osnabrück stammende Günter Gall eine Brücke vom „Dreißigjährigen Krieg“ über den „Siebenjährigen Krieg“ zu den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart Afghanistans.

Um diesen Themenschwerpunkt herum gruppieren sich viele weitere Musikerinnen und Musiker, die auf den Plätzen der Nürnberger Altstadt mediterranes Flair und heiße Rhythmen verbreiten werden. Wenn dann auch noch das Wetter mitspielt, steht der 39. Auflage unseres Sommermärchens nichts mehr im Wege. Lassen Sie sich mitreißen – ich lade Sie herzlich dazu ein!


Dr. Ulrich Maly
Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

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