Die berufliche Lage und Wanderungsabsichten hochqualifizierter Türkeistämmiger in Deutschland

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Erstmalig wurde anhand einer bundesweiten Verbundstudie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung und der Bayburt-Universität (Türkei) eine breit angelegte Befragung unter 1.126 deutschtürkischen Studierenden und Hoch-schulabsolventen*innen durchgeführt (450 Studierende und 676 Hochschulabsolvent*innen), dessen vorläufige Ergebnisse im Juni 2016 publiziert wurden und der zweisprachige Endbericht im Mai herausgegeben werden wird.

Nach Angaben des Mikrozensus 2015 besitzen von 2,86 Mio. Türkeistämmigen noch 1,46 Mio. die türkische Staatsbürgerschaft (51,1%), 595.000 (20,8%) sind eingebürgert, 803.000 (28,1%) erwarben den deutschen Pass qua Geburt und 215.000 (7,5%) besitzen die doppelte Staatsangehörigkeit. Einerseits bestehen nach wie vor strukturelle Benachteiligungen sowohl im Bildungssystem als auch bei der Arbeitsmarktinte-gration im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft. Andererseits steigt die Zahl der türkeistämmigen Studierenden und Hochqualifizierten in Deutschland. So ist ihr Anteil mit Hochschulreife von 2007 – 2014 von 8,5% auf 11,1% und derjenigen mit einer akademischen Berufsausbildung von 2,7% auf 3,1% gestiegen. Diese gut ausgebildete türkeistämmige Schicht bildet im Integrations- und Teilhabediskurs eine wichtige Scharnierfunktion und reagiert sensibel auf Benachteiligungen.

Altersgruppe und Geburtsland
Unter den Befragten war die häufigste Altersgruppe 18-34 Jahre (71%), 51% waren weiblich und 69% sind Bildungsinländer, nur 7% schlossen ihre Schule in der Türkei und 20% in beiden Ländern ab; 83% der Studierenden und 50,4% der Absolvent*innen sind in Deutschland geboren, während 10% der Studierenden und 13% der Absolvent*innen vor sieben oder weniger Jahren nach Deutschland eingewandert sind.

Staatsbürgerschaft
Die Staatsbürgerschaften verteilen sich auf 42% deutsch, 44% türkisch und 13% doppelte Staatsangehörigkeit. Bei den in Deutschland Geborenen ist der Anteil der deutschen und der doppelten Staatsangehörigkeit mit 51% bzw. 15% deutlich erhöht. Der hohe Anteil türkischer Staatsangehöriger trotz langer Aufenthaltsdauer korrespondiert mit dem eher verhaltenen Trend zur Einbürgerung in der gesamten türkeistämmigen Bevölkerung seit 2000, denen Ursachen wie die Aufgabe der bisherigen Staatsbürgerschaft, fehlende Anreize, fehlendes Zugehörigkeitsgefühl zu Grunde liegen.

Berufliche Situation
Die durchschnittliche Arbeitslosigkeit von türkei-stämmigen Hochschulabsolvent*innen mit in Deutschland erworbener Berufsausbildung ist mit 8,9% zu 2,5% höher als der Bundesdurchschnitt. Unter den hier befragten Absolvent*innen befinden sich nur 2% Arbeitslose. Allerdings konnten 49% der befragten Hochschulabsolvent*innen nach ihrem Abschluss unmittelbar und weitere 23% innerhalb von drei Monaten eine berufliche Anstellung finden; nur 6% mussten ein Jahr und länger suchen. Zudem versendeten 65% nach dem Studium weniger als elf Bewerbungen, weitere 17% zwischen 11 und 30 und nur 7% mehr als 100. Ähnlich verhält es sich nach den Einladungen zu Vorstellungsgesprächen. Demnach wurden 89% der Befragten zu bis zu zehn Bewerbungsgesprächen eingeladen, bis es zu einer Anstellung kam. Diskriminierungserfahrungen ergeben dessen ungeachtet ein ambivalentes Bild. Während 54% keine derartige Erfahrungen im Berwerbungsverfahren gemacht haben, bejahten 28% die Frage und 18% machten keine Angabe. Ein Arbeitsmarkteinstieg von Hochschulabsolvent*innen mit (türkischem) Migrationshintergrund kann ohne lange Warte- und Suchzeiten erfolgen, wenn strukturelle (demographische Entwicklung, Fachkräftemangel, Wirtschaftswachstum) und bewerberbezogene Bedingungen (starkes Sozialkapital) begünstigend wirken.

Gut ausgebildete türkeistämmige Bevölkerung
Die Studie dokumentiert die Entstehung eines gut ausgebildeten türkeistämmigen Bevölkerungsanteils mit spezifischen Milieumerkmalen mit vermehrten Familiengründungen innerhalb des eigenen sozialen Milieus. So sind 63% der Befragten Singles und 35% verheiratet, die Ehepartner*innen haben zu 68% mindestens einen Bachelor-Abschluss, der Anteil der Promovierten liegt bei 23%. Schlüsselt man nach Studierenden und Absolvent*innen auf, so sind 54% der Absolvent*innen und nur 7% der Studierenden verheiratet. Traditionelle Rollenvorstellungen scheinen hier also auf dem Rückzug.

Wanderungsabsichten
Die transnationale Migration zwischen Deutschland und der Türkei steigt seit 2000 an. So sind zwischen 2005 und 2014 insgesamt 304.501 Menschen aus der Türkei nach Deutschland und 335.248 Menschen aus Deutschland in die Türkei gezogen (Statistisches Bundesamt). Unter der Annahme, dass Hochqualifizierte eine besonders hohe Mobilitätsbereitschaft haben, könnten in diesem Zeitraum konservativ ge-schätzt 35.000 Hochqualifizierte aus Deutschland in die Türkei abgewandert sein. Zugleich sind aber unter den Migrant*innen aus der Türkei nach Deutschland ebenfalls Studierende bzw. Hochschulabsolvent*innen mit dauerhaften oder temporären Bleibeabsichten. Während 40% aller Befragten sich irgendwann eine Migration in die Türkei vorstellen können, wissen dies 23% nicht und 38% wollen in Deutschland bleiben. Erstaunlich ist, dass ein großer Teil der Migrationswilligen in Deutschland geboren ist (60%) und nur 13% seit sieben oder weniger Jahren hier leben. Zur Frage nach den wichtigsten Gründen für eine Rückkehr in die Türkei werden bei Möglichkeit der Mehrfachnennung am häufigsten bessere Arbeits- und Lebensverhältnisse, ein verhältnismäßig höheres Realeinkommen und familiäre Gründe angegeben, während aber auch die Integrations- und Migrationspolitik in Deutschland mit 44% häufig angegeben wurde. Insgesamt sind die Motive für eine evtl. Rückkehr in die Türkei vielgestaltig. Unter den rückkehrwilligen Absolvent*innen gaben 41% an, Diskriminierungserfahrungen beim Arbeitsmarkteinstieg gemacht zu haben, 44% haben keine solche Erfahrungen gemacht und 15% haben keine Meinung dazu (n=252). Insgesamt wird hier die Vermutung widerlegt, dass ein gescheiterter Arbeitsmarkteinstieg ein dominierender Anlass für die Wanderungsorientierung in die Türkei ist. Vielmehr wirken ein Konglomerat an Faktoren sich positiv auf eine Wanderung in die Türkei, transnationale Orientierung ist nicht unmittelbar eine Reaktion auf erlebte Benachteiligung oder Erfolglosigkeit beim Arbeitsmarkteinstieg. Demgegenüber werden für einen Verbleib in Deutschland ähnliche Gründe wie Lebens- und Arbeitsbedigungen, der Lebensstil und die Kindererzierhung angegeben. Auffällig ist zudem, dass der Verlust des (familiären) Bezugs zur Türkei (12%) und der Wunsch, in der Nähe der Verwandten in Deutschland zu leben (21%), von einem Drittel der Befragten gegannt wurde. Die Studie liefert ingesamt ein Indiz dafür, dass die Befragten, unabhängig von ihrer Entscheidung für ihren Lebensmittelpunkt, transnational aufgestellt sind und nach wie vor einen Bezug zu ihrem Herkunftsland haben.

Caner-Aver_web
Caner Aver geb. 1975, Studium der Geographie, Politikwissenschaften und Umweltpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2003 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfTI beschäftigt. Arbeitsschwerpunkte: Forschungs- und Modellprojekte sowie Politikberatung in Integrations- und Migrationsthemen (Ethnische Ökonomie, Bildung- Ausbildung, Arbeitsmarkt, Migrantenselbstorganisationen, Klima- und Umwelt, Stadtentwicklung, Interkulturelle Öffnung, Türkei – EU Beziehungen) . Er war 2014-2016 Präsident der TD-Plattform.

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