Kein Schlussstrich!
 Ein bundesweites Theaterprojekt mit künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Interventionen zum NSU-Komplex vom 21. Oktober bis 7. November 2021

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2021 jähren sich die Ermordungen von Abdurrahim Özüdoğru, Habil Kılıç und Süleyman Taşköprü zum 20. Mal. Diese Jahrestage finden inmitten einer Zeit statt, in der sich der Hass in Parlamenten wie auf der Straße wieder Bahn bricht. Die Mordserie des sog. Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) nach der Selbstenttarnung im Jahr 2011 wurde in Teilen der Öffentlichkeit als einzigartiges Phänomen rechter Gewalt wahrgenommen. Doch lässt sich heute nicht mehr leugnen, dass die Verbrechen des Trios aus Jena als Speerspitze und Vorreiter eines wiedererstarkten rassistischen, antisemitischen und sich auf vielfache weitere Arten ausdrückenden menschenverachtenden Denkens und Handelns gelesen werden müssen.

Die Morde an Enver Şimşek (2000), Abdurrahim Özüdoğru (2001) und İsmail Yaşar (2005) in Nürnberg, Habil Kılıç (2001) und Theodoros Boulgarides (2005) in München, Süleyman Taşköprü (2001) in Hamburg, Mehmet Turgut (2004) in Rostock, Mehmet Kubaşik (2006) in Dortmund, Halit Yozgat (2006) in Kassel und Michèle Kiesewetter (2007) in Heilbronn sowie weitere Überfälle und Anschläge, wie beispielsweise 2001 und 2004 in Köln, stehen nicht nur stellvertretend für die unzähligen Fälle rechtsextremer und rassistischer Gewalt in Deutschland nach 1945. Sie sind Sinnbild für Wegsehen, strukturelle Empathielosigkeit mit dem Schmerz der Angehörigen, Verdrängen, fehlenden Aufklärungswillen und falsche Verdächtigungen. Sie sind auch Sinnbild für den massiven Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und Sicherheitsbehörden, von denen sich viele Menschen in Deutschland, insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte, unbeschützt und im Stich gelassen fühlen. Die Liste mit offenen Fragen im NSU-Komplex ist lang, nur unbefriedigend konnten die Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern sowie der Münchener Prozess, inklusive der im Frühjahr 2020 veröffentlichten schriftlichen Urteilsbegründung, Licht ins Dunkel bringen.

Auf Initiative von Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur (städtischer Eigenbetrieb für Kultur, kulturelle Bildung, Tourismus und Stadtmarketing) in enger Zusammenarbeit mit der Kuratorin Ayşe Güleç, den Dramaturgen Tunçay Kulaoğlu und Simon Meienreis sowie dem Soziologen Matthias Quent hat sich daher ein Kooperationsnetz von Theatern und Institutionen aus 14 Städten zusammengeschlossen, um vom 21. Oktober bis 7. November 2021 gemeinsam das interdisziplinäre Theaterprojekt „Kein Schlussstrich!“ zu realisieren – mit dem Anliegen, die Taten und Hintergründe des NSU künstlerisch zu thematisieren. Beteiligt sind Akteure in den Städten, die unmittelbar vom NSU-Komplex betroffen waren und sind: die Städte, in denen zehn Bürger*innen von Rassisten ermordet wurden. Auch jene Städte sind beteiligt, in denen die Täter*innen des NSU aufwuchsen, Aufenthalt oder Unterstützung fanden. Mit dem Vorhaben sollen die Perspektiven der Familien der Opfer und der migrantischen Communities in den Fokus der Öffentlichkeit gebracht werden: Mit Theateraufführungen, musikalischen Interventionen im öffentlichen Raum, Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und Workshops möchte das Projekt die Auseinandersetzung mit dem institutionellen und strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft anregen. Auch die Geschehnisse und Folgen der Anschläge in Halle, Hanau und Kassel, die den Rechtsterrorismus und Rassismus in erschütternder Weise bezeugen, möchte das Projekt in den Fokus rücken.

Träger des Projekts „Kein Schlussstrich!“ ist der im September 2020 eigens gegründete Verein „Licht ins Dunkel e.V.“. Mitwirkende Institutionen sind: ASA FF e.V. in Chemnitz, Theater Chemnitz, Dietrich-Keuning-Haus Dortmund (in Trägerschaft der Kulturbetriebe der Stadt Dortmund), Landestheater Eisenach / Meininger Staatstheater, Kampnagel Hamburg, Theater Heilbronn, JenaKultur, Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena (in Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung), Theaterhaus Jena, Staatstheater Kassel, Schauspiel Köln, Münchner Kammerspiele und Real München e.V., Staatstheater Nürnberg, Theater Plauen-Zwickau, Volkstheater Rostock, Theater Rudolstadt, Deutsches Nationaltheater Weimar.

Die künstlerische Klammer des Projekts bilden zwei multilokale Eigenproduktionen: das musikalisch- performative und partizipatorische Oratorium „MANİFEST(O)“ des Komponisten Marc Sinan und die von Ayşe Güleç und Fritz Lazlo Weber kuratierte Ausstellung „Offener Prozess“ des ASA FF.

Den Vorstand des Trägervereins „Licht ins Dunkel e.V.“ bilden als Vorsitzender Jonas Zipf, Mitinitiator des Projekts und Werkleiter von JenaKultur, und Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel Hamburg. Die künstlerische Leitung des Projekts obliegt – in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk der Partner*innen in den beteiligten Institutionen – den beiden Dramaturgen Tunçay Kulaoğlu und Simon Meienreis sowie der Kuratorin Ayşe Güleç. Beraten wird das Kernteam zudem von einem fünfköpfigen Beirat, für den die Autorin und Journalistin Ferda Ataman, die Comedienne und Schauspielerin İdil Baydar, die Sozialpädagogin und Leiterin des Projekts „RomaniPhen“ Isidora Randjelović sowie die Autorinnen und Soziologinnen Vanessa Eileen Thompson und Katharina Warda gewonnen werden konnten. Die Koordination, Geschäftsführung und Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für „Kein Schlussstrich!“ übernehmen im Auftrag des Trägervereins Elena Krüskemper und Kristina Wydra von der Agentur Local International, Bonn.

„Kein Schlussstrich!“ wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Außerdem erhält das Projekt bislang Förderungen durch die Bundeszentrale für politische Bildung, die Behörde für Kultur und Medien Hamburg, die Innovationsförderung der Stadt Jena, das Kulturreferat der Stadt München, die Staatskanzlei Thüringen, die Initiative „The Power of the Arts“ der Philip Morris GmbH, die Rudolf-Augstein-Stiftung sowie die mitwirkenden Institutionen im Rahmen ihrer Mitgliedschaft im „Licht ins Dunkel e.V.“.

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