Peters Hörtipp: Die neue Platte KISMET von Kolektif İstanbul

251

Das fünfte, reifste Werk der Band
Ganz aktuell und wegen der Pandemie etwas verspätet ist am Freitag das Album „Kısmet“ von Kolektif İstanbul erschienen. In der Türkei bei Ada als komplettes Album und in Europa vorerst nur die Single und das Video „Kabadan Bombicka“ bei Trikont.

Ich konnte mir das Album vorab anhören und kann sagen:
Das Warten hat sich wirklich gelohnt. Das Album bringt einerseits die typische Mischung aus balkan-türkischen und jazzigen Elementen.
Diesmal sind wieder viele Gäste dabei, die das Album zu einem musikalischen Ohrenschmaus der Extraklasse, ja zu einem Balkanatolia 2.0 werden lassen.
Und die vielen Instrumente. Diesmal wird u.a. das Tarogato gefeatured, ein ungarisch-rumänisches Instrument, das dem Sopransax ganz nah verwandt ist. Weitere Instrumente sind Kaval, Zurna, Cümbüş, Tambur, die Istanbuler Lavta (Politiko Laouto), u.v.a.

Den Albumteaser gibts hier:

Zu den Stücken – Besonders sind die Arrangements
Eröffnet wird das Album mit dem Titelstück „Kısmet“. Gleich zu Beginn ein Lied, zu dem man unbedingt tanzen möchte. Es basiert auf einem Ciftetelli, einem freien Tanzstil, der in der ganzen Welt des Balkans und Orients verbreitet ist.
Die erste Single-Auskopplung „Kabadan Bombiçka“ ist eine echte Gute-Laune-Tanz-Nummer. Hierzu gibt es auch ein Video, an dem der Solo-Tänzer Ismail mitwirkt. Der Kabadan ist ebenfalls ein Volkstanz, der insbesondere bei den bulgarischen Türk*innen seine Wurzeln hat.

Auf dem von Richard komponierten Stück „Tadım Tuzum‘“ singt die sehr erfolgreiche türkische Newcomerin Melike Şahin, die früher bei Baba Zula war und gerade ihr erstes Soloalbum veröffentlicht hat. Das Lied beginnt mit dieser unglaublichen Orgel, doch dazu gleich mehr… Wenn das kein Hit wird, unglaublich…

In „M Köcek“ wird ein klassisches Stück von Edvard Grieg in eine für die Band typischen Balkanversion umgewandelt mit orientalischen Trommeln, einem Streichtrio und einem auf 9/8-Rhythmus basierenden jazzigen Solo an der Farfisa-Orgel. Die Farfisa ist eine fast schon vergessene E-Orgel, die u.a. Ray Manzarek von den Doors spielte. Der Keyboarder des Kolektif Tamer hat diese Farfisa gerüchteweise übrigens im Sperrmüll gefunden, repariert und sie dann optimal in das Klanggebäude der Band integriert. M Köcek ist eine Referenz auf den später von den Nazis verbotenen Film M des deutschen Regisseurs Fritz Lang aus dem Jahr 1931. Im vermutlich im Mai erscheinenden Video zu diesem Stück werden Teile des alten Films mit Material von Kolektif Istanbul verwoben. Ich warte gespannt darauf.

Von ihren letzten Konzerten kennen viele schon das thrakische Lied „Feridem“. Çoooook tatlı singt Aslı und durch die Orgel und die sonstige Orchestrierung wird es ein wunderbar weiches Lied, das sich in die Ohren schmiegt.

Besonders gefallen mir die beiden Tavernenstücke: „Ona Tek, Bana Duble“ kommt mit zuerst überragendem Gesang von Aslı und dann wilden Rhythmen. Wirklich erstaunlich, was man in drei Minuten so unterbringen kann. Und im Rembetiko „Bahar“ klagt Ülkü Abbaya so über ihr Unglück, dass ich davon eine Gänsehaut bekomme. In beiden Liedern gibt es auch Spitzen-Klarinettensoli von Talat.

„Minnoş” ist auch wieder dabei, allerdings in einer Version mit Akkordeon, Cümbüş und Kaval, die mir noch besser gefällt als die Single von 2020.

„Pirinsko Köçek” ist ein Halay oder doch eher ein Bauchtanz?. Egal. Jedenfalls sehr tanzbar und endlich spielt Richard mal wieder die Zurna.

„Aksaray’dan Geçer İken” ist ein altes Istanbuler Volkslied, auf dem Ceylan Ertems Gitarrist Cenk Erdoğan Yaylı Tambur spielt, klingt nach Cello und hört sich wirklich sehr exotisch an. Mit Mine Yeners Elektro-Tambur und Kolektif Istanbuls Arrangement wird das zu Volks-Rock’n Roll.

Die Melodie von „Balkon Köcek“ werden manche wiedererkennen. Auf der vorletzten CD von Ceylan Ertem war es als eine von Tamers Kompositionen zu hören. Die Kolektif-Version wurde instrumental eingespielt und hört sich hier eher wie ein Longa mit verzwickten Rhythmen an.

„Ahududu“, das vorletzte Stück, ist eine Verneigung an die türkische Roma-Musik mit einem wunderschönen Sax-Solo, Oryantal-Orgel und typischen westtürkischen Perkussionselementen. Aaah, ne zaman en sonunda göbek atabilir miyiz?

Pfiffig ganz am Schluss ist die kurze Zugabe „Edvard & Fritz“. Nochmal wird die Melodie von Edvard Grieg aus dem Stück M-Köcek, die Referenz auf den Film von Fritz Lang, aufgegriffen. Diesmal aber gepfiffen von dem argentischen Musiker Axel Krygier, mit dem die Band 2010 ein Nuevo Tango Turco Projekt realisierte.

Übrigens: Die Band verwendet keinen herkömmlichen Bass, sondern ersetzt diesen mit dem cool-funkigen Susafon (ähnlich der Tuba) von Ertan, der nebenbei in der Istanbuler Oper auch ganz klassisch Tuba spielt wenn er nicht gerade wegen Corona im Homeoffice ist.

Fazit: Die 13 Stücke der CD, auf Vinyl werden leider nur 11 passen, belegen wieder mal eindrucksvoll das breite und doch homogene Spektrum der Band. Die musikalischen Wurzeln der Band sind geblieben, die Band entwickelt sich immer mehr zu einem tragenden Bestandteil der türkischen Szene.

Genial: In der Türkei ist die Band beim lange schon existierendem Indie-Label ADA unter Vertrag. Hierzulande erscheint ihre Musik jetzt beim ebenfalls schon lange exisitierendem München-Giesinger Indie-Label Trikont. Die beiden Labels passen wirklich sehr gut zusammen und ergänzen sich treffend.

Trost: Und einen Trost gibt es für uns hierzulande, die wir noch auf den offiziellen Release warten müssen: In Europa wird das Album neben den Streaming-Plattformen auf CD und Vinyl erscheinen. In der Türkei wird es keine CD geben, nur Vinyl und Streaming.

Tournee: Jetzt brauchts nur noch eine Tournee. Aber daran arbeitet Trikont schon, die sind auch eine Booking-Agentur! Bitsin, bitsin bu pandemi!


BESETZUNG
Aslı Doğan – Gesang, Trompete
Richard Laniepce – Saxophon, Gayda, Zurna, Gesang
Talat Karaoğlu – Klarinette, Tarogato
Tamer Karaoğlu – Akkordeon, Keyboards
Ertan Şahin – Susafon
Batuhan Baraç – Schlagzeug, Perkussion

Peter Friemelt

Leave A Reply