Das 34. Filmfest München

56
Das 34. FILMFEST MÜNCHEN (23. Juni – 2. Juli 2016) zeigt 207 Filmpremieren aus 62 Ländern. Es wird gestritten, geliebt, gemordet und gesungen„Zeigen was man liebt“ heißt ein Film über die Münchner Gruppe, die sich in den Sechzigerjahren im Schwabinger Bungalow traf. Dieser Titel kann exemplarisch stehen für das, worum es eigentlich immer geht: Filme zu drehen über Dinge, die einen wirklich bewegen – radikal, mutig, anarchisch. Wer nicht für seine Geschichten brennt, sollte keine Filme machen. Und so zeigt das FILMFEST MÜNCHEN dieses Jahr ein vielfältiges Programm – allen Filmen gemeinsam ist die spürbare Leidenschaft ihrer Macher.

„Die Filme in diesem Jahr haben eine große emotionale Wucht. Und die können sie am besten im Kino entfalten“, sagt Festivalleiterin Diana Iljine. „Angesichts einer fast schon explosionsartig zunehmenden Verfügbarkeit von Bewegtbildern im Digitalen ist es uns als Festival ein großes Anliegen, das Kino als relevanten Raum erlebbar zu machen und zu stärken – als Raum der Begegnung. Hier kann man dem Unbekannten begegnen und sich dem Neuen stellen: Wir brennen für unsere Filme und für das Kino!“

Eröffnet wird das FILMFEST MÜNCHEN mit „Toni Erdmann“ von Maren Ade, der international für Aufsehen sorgt und beweist, wie viel Potential im deutschen Filmschaffen steckt. Das gilt es auch zu entdecken in den 19 Weltpremieren und einem weiteren Special der Reihe Neues Deutsches Kino, wo dieses Jahr so viel geküsst und geschlagen wird, wie schon lange nicht mehr im deutschen Film.

Aber auch die Protagonisten in den Geschichten, die uns von Filmemachern aus aller Welt erzählt werden, leben alles andere als ein laues Leben. Leidenschaftlich wird um Beziehungen gekämpft, um die Familie, oder gegen sie. Menschen machen sich auf die Suche nach Heimat, nach Liebe, nach Wahrheit…

Natürlich spielt Sex dabei eine Rolle, wie in „Bang Gang (Une histoire d’amour moderne)“ (Int. Independents), dem intensiven Porträt einer hedonistischen Jugend oder in „El placer es mío“ (Int. Independents), einer weiblichen und emanzipierten Reflexion auf Sex und auf Sex-zentrierte Beziehungen. Und auch wenn sich der junge Vize-Admiral in „Satisfaction 1720“ (Spotlight) im Stil eines heutigen Rock-Stars durch die Betten Dänemarks und Norddeutschlands schläft, dann ist das zwar ein Historienfilm, aber dabei überbordend, sexy und wild. Gleich fünf Beziehungsgeschichten erzählt die Regisseurin Anna Melikyan in „About Love“ (Int. Independents) – das ist visuell umwerfendes russisches Kino.

Allzu oft schlägt Leidenschaft aber in Gewalt um: Gewalt, die beispielsweise in „Volt“ (Neues Deutsches Kino) vollkommen eskaliert, wie auch in „Dog Eat Dog“ (Spotlight), dem Paul Schrader alles zu sein erlaubte, nur nicht langweilig. Töten als Leidenschaft? „Psycho Raman“ (Spotlight) ist ein dunkler, brutaler Krimi, in dem ein Serienkiller in Mumbai sein Unwesen treibt.

Blut fließt auch bei einem gewalttätigen Initiationsritus im diesjährigen Abschlussfilm „Captain Fantastic“ und man fragt sich, ob der Vater, der seine Kinder fernab jeder Zivilisation mit großer Leidenschaft aber so ganz anders und nonkonformistisch erzieht, ihnen damit tatsächlich einen Gefallen tut. Viggo Mortensen spielt ihn aber so hinreißend, dass man sich von seinem Idealismus gerne anstecken lässt.

Filme aus Deutschland

Neben dem Eröffnungsfilm und den beiden deutschsprachigen Reihen widmet das FILMFEST MÜNCHEN Christian Petzold, einem der wichtigsten Autorenfilmer des Gegenwartskinos eine Retrospektive – einem Regisseur, der international schon lange zu den ganz Großen gezählt wird. Freundschaft, Vertrauen, Verrat – darum kreisen seine Geschichten. Und wenn Petzold Fernsehen macht, dann ist das bei ihm eben auch Kino. So wie beim neuen „Polizeiruf 110: Wölfe“ (Neues Deutsches Fernsehen), der im Rahmen der Gala zu Ehren von Christian Petzold als Weltpremiere gezeigt wird.

Ein sehr facettenreiches Bild von Deutschland zeichnet Sönke Wortmann, der mit „Deutschland. Dein Selbstporträt“ (Spotlight) zu Gast ist. Aus vielen Tausend Filmen, die Menschen in ganz Deutschland am 20. Juni 2015 aufgenommen haben, verdichtet der Film ein vielseitiges Selbstporträt unseres Landes.

Filme aus aller Welt

Die großen internationalen Filmländer sind mit Neuentdeckungen und auch den Altmeistern stark vertreten. Unter ihnen Carlos Saura („Argentina“), Arturo Ripstein („La Calle de la Amargura“), Pedro Almodóvar („Julieta“), Marco Bellocchio („Sangue del mio Sangue“), Lionel Baier („La Vanité“), Otar Iosseliani („Chant d`hiver“), Alejandro Jodorowsky („Poesía Sin Fin“), Amos Gitai („Rabin the Last Day“), Asghar Farhadi („The Salesman“), Maggie Greenwald („Sophie and the Rising Sun“), Terence Davies („Sunset Song“) oder Todd Solondz mit Stargast Ellen Burstyn (CineMerit Award) in „Wiener Dog“.

Dank günstigerer Produktionsmittel kommen Filme nun vermehrt auch aus Ländern, die früher eher weiße Flecken auf der Weltkarte der Filmproduktion waren. Filmemacher aus Nepal, Venezuela, Vanuatu, der kolumbianischen Karibik, Montenegro, Mali, Kambodscha, Bulgarien oder aus dem Irak laden uns dieses Jahr ein, die Welt mit ihren Augen zu sehen.

Und auch die brasilianischen Independent-Filmemacher aus drei Generationen erschaffen ein anderes Bild von ihrem Land, das demnächst der Welt als Kulisse für das olympische Spektakel präsentiert wird. „Somos todos Brasil“ – „Wir alle sind Brasilien“: Der offizielle Slogan der Olympiade verwandelt sich derzeit zum politischen Ruf aller, die um ein anderes, gerechteres und vielfältiges Brasilien kämpfen.

Einen ebensolchen Perspektivwechsel erlauben die Filme aus der islamischen Welt. Wird in den Nachrichtensendungen und Diskussionsrunden im Fernsehen hauptsächlich über den Mittleren und Nahen Osten geredet, so spricht der in diesen Filmen selbst und das Bild, das dabei entsteht, ist mit Sicherheit vielschichtiger und bunter. So wie in den Filmen von Bahman Ghobadi, dem ebenfalls eine Retrospektive gewidmet ist. Der iranisch-kurdische Regisseur erzählt in bildschönen Filmen vom Alltag in einer krisengeschüttelten Region. Mit ihrem trockenen Humor und vor allem mit ihrer großen Musikalität tanzen seine Geschichten jedem Ethno-Klischee davon.

Leidenschaft für Musik und Bewegung

Die eigenen Gefühle oder die eines ganzen Landes drückt kaum etwas so direkt aus wie die Musik. In Filmen wie „Mali Blues“ (Int. Independents) mit Singer-Songwriterin Fatoumata Diawara, einem Shooting-Star des Afro-Pop, und Rapper Master Soumy wird sie zudem zum politischen Statement für Frieden und Toleranz. Ganz heiter, trotz bevorstehender Finanzkrise ist „Office“ (Spotlight), ein Hongkong-Kapitalismus-Musical in 3D, mit Stars wie Chow Yun-fat und Sylvia Chang. Und dass ein Film über eine Casting-Show auch in Zeiten der Allgegenwart von Gesangswettbewerben im TV ein humorvoll-bewegendes Feelgood-Movie werden kann, beweist „Ein Lied für Nour“ (Spotlight). Weitere Filme im diesjährigen Programm, in denen die Musik eine Hauptrolle spielt, sind „Born to Be Blue“ (Spotlight), ein bewegendes Biopic über das Comeback der Jazz-Legende Chet Baker (Ethan Hawke), oder „One More Time“(Spotlight) mit Christopher Walken und Amber Heard. In „Radio Dreams“ (Int. Independents) hat ein junger Radio-DJ den verrückten Plan, dass Kabul Dreams, die erste Rockband Afghanistans, gemeinsam mit den Megastars von Metallica auftreten soll.

Wild, unangepasst und immer auf der Suche nach Freiheit, angetrieben von poppigem Punk oder punkigem Pop, das sind auch die Skater in den Filmen im diesjährigen Open Air Programm Grind! Slide! Skate!.

Das FILMFEST MÜNCHEN präsentiert an zehn Tagen insgesamt 207 aktuelle Filme aus 62 Ländern, die alle als Deutschlandpremiere laufen, 47 davon feiern auf dem Filmfest ihre Weltpremiere und 21 weitere ihre internationale bzw. europäische Premiere.

Für Filme und Events klicken Sie hier

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.