Integration funktioniert nur im Zusammenspiel

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Im vergangenen Jahr sind viele Menschen zu uns nach Deutschland gekommen: Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan und anderen Staaten.
Die Hilfsbereitschaft bei uns war riesig. Am Hauptbahnhof in München empfing die Bevölkerung die Neuankömmlinge herzlich und versorgte sie mit allem Nötigen. In Nürnberg haben sich innerhalb weniger Wochen Hunderte Frauen und Männer an einem Bürgertelefon im Sozialreferat gemeldet, um ihre ganz praktische Hilfe anzubieten. Das sind sichtbare Zeichen einer solidarischen Stadtgesellschaft. Darauf lässt sich aufbauen. Denn die Aufnahme von hunderttausenden Flüchtlingen geht nicht im Handumdrehen. Aber die Geschichte unseres Landes zeigt, dass wir den Krisenmodus auch wieder verlassen werden.

Deutschland hat in seiner mehr als 70-jährigen Friedensgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg viele Zuwanderer aufgenommen: Nach 1945 fanden rund zwölf Millionen Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten eine neue Heimat. Allein nach Bayern kamen 1,9 Millionen Neubürger. Die Bevölkerung im Freistaat wuchs innerhalb kürzester Zeit um 28 Prozent. Von solchen Dimensionen sind wir heute meilenweit entfernt. Die aktuelle Flüchtlingszahl in Nürnberg liegt bei etwas mehr als einem Prozent der gesamten Einwohnerschaft. Später, in den 1950er und 1960er Jahren, wurden in unserem Land „Gastarbeiter“ verpflichtet, doch Menschen und ihre Familien kamen – und blieben, darunter sicher viele Ihrer Familienangehörigen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ging es um die Aufnahme vieler Spätaussiedler.

All diese ehemals zugewanderten Menschen prägen heute unser Land. Und das sind nicht gerade wenige: In Deutschland leben heute rund 81 Millionen Menschen. Davon haben 16,7 Millionen einen Migrationshintergrund, das entspricht circa 21 Prozent. In Nürnberg ist der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund mit etwa 42 Prozent der Bevölkerung sogar doppelt so hoch. Deutschland und noch viel mehr Nürnberg sind bunt und waren das schon immer. Und wir alle sind Teil dieser bunten Gesellschaft. Immer wieder erwies sie sich als aufnahmefähig – warum soll das jetzt anders sein?

Integration gelingt über Kindergärten, Schulen, Sprachunterricht und Beruf. Es geht um zusätzlichen Wohnraum, um Plätze in Kindertagesstätten und Schulen, um Ausbildung und Chancen am Arbeitsmarkt. Hilfsbereitschaft und Besorgnis über die Entwicklungen existieren derzeit nebeneinander. Wir müssen der aufnehmenden Gesellschaft die gleiche Empathie entgegenbringen wie den Flüchtlingen. Deshalb werden wir beispielsweise mehr Wohnungen bauen als wir vorhatten – aber für alle Gruppen, nicht nur für Flüchtlinge. Soziale Konkurrenzen müssen wir vermeiden. Die Zuwanderung bietet für uns aber gerade im Hinblick auf tausende offene Lehrstellen und den demographischen Wandel Chancen, vorausgesetzt, die Integration der Neubürger gelingt.

Integration funktioniert nur im Zusammenspiel der ankommenden und der aufnehmenden Bevölkerung. Sie funktioniert über Kommunikation. Verständnis und Offenheit bewahren, Gesprächsbereitschaft zeigen, den Dialog fördern – das sind Aufgaben für uns alle. Neben der alltäglichen, zwischenmenschlichen Kommunikation kommt auch den Medien eine wichtige Vermittlerrolle zu.

Ein Magazin, das dies bereits vor elf Jahren erkannt hat und seitdem einen wertvollen Beitrag zur Integration leistet, halten Sie gerade in den Händen oder lesen es online. Für das zehnjährige Engagement von Piyasa für die türkischstämmigen Bürgerinnen und Bürger bin ich sehr dankbar. Ich gratuliere dem Magazin und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zum Jubiläum und wünsche Piyasa für die Zukunft weiterhin viele interessante Geschichten und eine treue Leserschaft.

Ihr
Dr. Ulrich Maly
-Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

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