Weltreligionen für Integration in Nürnberg

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Rot gewandete Männer aus Plastik, die Kaufhaus-fassaden erklimmen, ein zum Christkindlesmarkt verwandelter Hauptmarkt und Massen von Einkaufenden, die vor allem an den langen Adventssamstagen Wunschzettel abarbeiten – es geht unübersehbar auf Weihnachten zu. Kaum jemand, der sich nicht vom Trubel mitreißen lässt, den süßen Verlockungen von Plätzchen und Dominosteinen widersteht oder vom allgegenwärtigen Lichterglanz völlig ungerührt bleibt.

Eigentlich ist das höchste Fest der Christenheit ja gar nicht für alle relevant. Dennoch kenne ich muslimische Familien, die sich ebenfalls auf ein festliches Beisammensein zum Jahresende freuen, dankbar auf die vergangenen Monate und zuversichtlich auf das neue Jahr blicken, sich, Verwandte und Freunde verwöhnen und mit ihren Nachbarn, gleich welcher Nation und Religion, die besinnlichen Stunden an den Feiertagen genießen. Ein schönes Zeichen der Integration, finde ich.

Auf eine kulturell und religiös offene Stadtgesellschaft zielt ein Projekt ab, das 2012 am Nürnberger Bildungszentrum mit zunächst zweijähriger Laufzeit startete. „WIN – Weltreligionen für Integration in Nürnberg“ geht auf eine Empfehlung der Deutschen Islamkonferenz zurück und bietet eine Fortbildung für religiöses Führungspersonal und aktive Ehrenamtliche in muslimischen Gemeinden in Deutschland. Es setzt darauf, dass geschulte Multiplikatoren den Integrationsprozess ihrer Gemeindemitglieder positiv beeinflussen können. Imame werden von den Gemeindemitgliedern ja nicht nur mit spirituellen, sondern auch mit alltäglichen Fragen konfrontiert. In einem gesellschaftskundlichen und sprachlichen Lehrgang befassen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Themen wie Bildung und Arbeit, Asyl- und Ausländerrecht, Gesundheit und Alter, Islam und Recht. In den ersten Monaten des Jahres 2013 besuchten 83 hochmotivierte Frauen und Männer aus 14 nordbayerischen Städten die Fortbildungsabende. Das gesamte Programm wurde mit ihnen zusammen erarbeitet und setzte sich aus Theorie und praktischen Workshops zusammen. Exkursionen führten etwa zur KZ-Gedenkstätte Dachau, zum Dom in Bamberg und in ein Nürnberger Altenheim.

Im November startete ein Lehrgang für Frauen, die in muslimischen Gemeinden und Vereinen tätig sind – mit über 40 Teilnehmerinnen. Sie kommen in der Mevlana-Moschee in Fürth zusammen und werden sich dort in der Woche vor Weihnachten mit Festen in den verschiedenen Religionen beschäftigen, also auch mit Weihnachten.

Den interreligiösen Dialog in der Region Nordbayern zu stärken ist das zweite Ziel von „WIN – Weltreligionen für Integration in Nürnberg“. Ich freue mich sehr, dass seit dem vergangenen Sommer auch Führungskräfte weiterer religiöser Gemeinden Nürnbergs an den Kursen teilnehmen und sich regelmäßig in einer transreligiösen Gruppe treffen. Das Bildungszentrum im Bildungscampus der Stadt Nürnberg fördert dies nachhaltig. Auch in den kommenden zwei Jahren wollen wir das Projekt fortführen. Die bisherigen Erfahrungen werden in die Erstellung von Unterrichtsmaterialien und in die Einrichtung virtueller Lernräume einfließen. Engagierte Unterstützer hat das Projekt im Verein DITIB Nordbayern, in der Volkshochschule Fürth und im Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa. Gefördert wird es vom Europäischen Integrationsfonds und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Das große Interesse aller Beteiligten an der Zusammenarbeit stimmt mich optimistisch. Ich bin mir sicher: „WIN“ wird zu einer echten Win-Win-Situation führen!

Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches und gesundes neues Jahr!

Dr. Ulrich Maly
Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

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