“Jung, talentiert und erfolgreich!” Ein Interview mit Çağdaş Eren Yüksel

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Inspiriert durch seinen verstorbenen Opa, feiert der junge Regisseur Çağdaş Eren Yüksel, am 24. Januar, die Online-Premiere zu seinem zweiten Dokumentarfilm “Gleis 11” und beschreibt darin die erste Einwanderergeneration. Bekannt wurde der 27-Jährige bereits durch seinen ersten unabhängig produzierten Kinodokumentarfilms “Asyland”, für den er 2015 nicht nur den Integrationspreis Mönchengladbach erhielt, sondern auch mit berühmten Persönlichkeiten zusammenarbeitete.
Er sagt, seine Eltern haben ihm sehr früh beigebracht, das Gute in allem zu sehen, Chancen zu ergreifen und bei guten Ideen zu versuchen, diese umzusetzen. Der Optimismus seiner Eltern sowie der Mut seines verstorbenen Großvaters haben ihn bis heute geprägt.

Wir haben mit dem talentierten Jungregisseur, der in seine beiden Filme sehr viel Herzblut reingesteckt hat, gesprochen.

Wie fühlst du dich kurz vor der Online-Premiere deines Dokumentarfilms “Gleis 11”? Bist du nervös?
Nervös bin ich nicht, aber vielleicht kommt das noch. Ich bin noch zu sehr mit den Vorbereitungen beschäftigt. Vorfreude trifft es glaube ich besser.

Wie bist du zur Filmemacherei gekommen?
Ich habe Sozialwissenschaften studiert und hatte immer eine große Vorliebe für gesellschaftspolitische Themen. Diese in Filme zu verpacken, fand ich spannend, denn Filme haben eine große Bandbreite und bringen eine Tiefe mit sich. Dadurch ist es möglich tiefgründig über eine Sache zu sprechen, ohne dass es zu trocken oder zu langweilig wird.

In “Gleis 11” geht es um die erste Einwanderergeneration. Was war der Anlass einen Dokumentarfilm über diese Zeit und diese Generation zu machen?
Mein Opa gehörte dieser Generation an, daher war es schon immer ein präsentes Thema für mich. Leider habe ich meinen Opa, der 1966 nach Deutschland kam, nie persönlich kennengelernt. In Deutschland ist er ziemlich früh, bei einem Autounfall verstorben. Am liebsten hätte ich mich mit ihm bei einer Tasse Tee oder einem Kaffee, zusammengesetzt und über die Zeit geredet. Was für ein Gefühl es für ihn war. Wie er damals die Zeit empfunden hat. Leider hatte ich diese Gelegenheit nicht. Der Film ist für mich so die einzige Möglichkeit, stellvertretend für meinen Opa, eine Generation zu treffen die sich damals auf den Weg nach Deutschland gemacht hat. Auch wenn alle aus unterschiedlichen Ländern nach Deutschland gekommen sind, haben sie dennoch ähnliche oder gleiche Erfahrungen gemacht. Das war deshalb mein Anstoß für diesen Film.

Am 24. Januar feiert “Gleis 11” seine Online-Premiere. Worauf kann sich der Zuschauer freuen und was wird ihn erwarten?
Trotz dieser ganzen Corona-Umstände, wollten wir dennoch allen die Möglichkeit geben, sich diesen Film anschauen zu können, ohne auf ein Premiere-Feeling verzichten zu müssen. Dafür haben wir das schönste und größte Kino Deutschlands gemietet. Entspannt von zu Hause aus, kann sich der Zuschauer den Film via Fernseher, Laptop oder Handy anschauen. Quasi, live vom Wohnzimmer aus, live ins Kino. Wir werden aber nicht nur den Film zeigen, sondern haben eine kleine Rede, eine Begrüßung sowie Informationen zu den Hintergründen des Films vorbereitet. Die Staatssekretärin für Integration, Frau Serap Güler, wird uns ebenfalls unterstützen und den Abend eröffnen. Im Anschluss wird es eine kleine Fragerunde mit den Hauptdarstellern bzw. Protagonisten geben, so dass der Zuschauer auf den Genuss einer Premiere kommen kann, auch wenn nur online.

Die Premiere findet am 24. Januar 2021 um 20:00 Uhr als Livestream Premiere statt

Wie aufwendig sind solche Vorbereitungen in Zeiten von Corona?
Sehr aufwendig! Die Einholung der ganzen Genehmigungen war wirklich sehr aufwendig. Die komplette Organisation wurde mit so viel Liebe zum Detail gemacht.  Wir haben für unsere Zuschauer sogenannte Premieren-Boxen angefertigen lassen. Die Zuschauer bekommen diese Boxen nach Hause geschickt und können sich über die Schokolade und das Kinoticket freuen. Wir wollten somit das Gefühl von Kino-Premiere erreichen, auch wenn die Leute womöglich alleine in ihrem Wohnzimmer sitzen. 

Deinen ersten Dokumentarfilm hast du mit bekannten Gesichtern wie Fatih Çevikollu, Kida Khodr Ramadan, Aykut Kayacık und Rüdiger Veit gemacht. Wie war die Zusammenarbeit mit ihnen als junger Regisseur?
Es war spannend! Ich muss sagen Dokumentarfilm ist noch mal etwas anderes.  Denn die Leute werden ja nicht inszeniert. Ich habe ihnen nicht sagen müssen, wie sie sich darstellen sollen. Fatih, Aykut und Kida waren sie selbst vor der Kamera und sind nicht in eine Rolle geschlüpft. Den Film habe ich 2014 produziert und 2015 herausgebracht – da war ich natürlich ziemlich jung. Mir ist es wichtig zu sagen, dass ein Film keine „One-man Show“ ist. Beide Filme, „Gleis 11” und „Asyland“ hätte ich niemals, -nicht ansatzweise-, alleine realisieren können. An einem Film sind so viele unterstützende Hände beteiligt. Allein beim Abspann meines Filmes “Gleis 11” wird deutlich, wie viele Leute mitgewirkt haben. Nicht zu vergessen, die ganzen Supporter, die vielleicht nicht am Set waren aber mich mental unterstützt haben. Bei Asyland war es nicht anders. Mich hat es immer wieder erstaunt, dass gute Ideen, soviel Support aus der Community bekommen. Sowohl Fatih als auch Kida und Aykut sagten Sachen wie “cooles Projekt”,  “wichtiges Thema”, “ich bin dabei”, “Machen wir!“.

Die Großmutter des Filmemachers Nezihat kam mit ihren damals vier Töchtern 1970 im Zuge des Familiennachzugs aus einer kleinen türkischen Provinz nach Mönchengladbach.

Die Finanzierung zu deinem Film „Asyland“ erfolgte über ein sogenanntes „Crowdfunding“. Was kann man sich darunter vorstellen?
Im Internet gibt es sogenannte Crowdfunding-Seiten, auf die man seine Projekte online stellen kann, um andere darauf aufmerksam zu machen. Für einen dieser Seiten haben wir einen Trailer gedreht. Die Unterstützer hatten die Möglichkeit, uns mit einem oder fünfzig Euro zu sponsern.

Mit dieser Aktion haben wir viele Unterstützer gefunden, die diesen Film teilfinanziert haben. Es kam zwar kein großer Betrag zustande, aber das war nicht schlimm, denn bei meinem Film handelte es sich eher um ein ehrenamtliches Projekt. Der zustandegekommene Betrag half uns dennoch, die Reisekosten, Rechte und Lizenzen decken zu können. Viel schöner war es zu sehen, dass Kameraleute auf uns aufmerksam geworden sind und uns ihr Equipment zur Verfügung stellen wollten. Das war echt cool!

Welche Projekte stehen demnächst an?
Mit meiner Produktionsfirma, Cocktailfilms GmbH, realisieren wir verschiedene Projekte. 2019 haben wir für 1Live und WDR RendezWho produziert. Jetzt sind wir an einer fiktionalen Serie dran. Das wird meine erste fiktionale Serie bzw. zwei Drehbuchautoren schreiben daran, und ich darf es dann produzieren. Das Thema wird Alltagsrassismus sein. Des Weiteren sind wir dabei eine Talkshow zu produzieren. In meinen Werken und Arbeiten ist es mir besonders wichtig, den Spagat zwischen gesellschaftspolitischen Themen und Unterhaltung machen zu können, da ich natürlich viele Leute mit gesellschaftspolitischen Themen erreichen will. In “Gleis 11” tauchen ebenfalls hin und wieder humorvolle und schöne Momente auf, während die Protagonisten über ihre Anekdoten erzählen. Ich finde, dass macht das Ganze ja so wertvoll.

Vor kurzem hast du in einer sozialen Plattform deine Follower aufgefordert, ihre schönsten Momente oder Erinnerungen zu teilen. Was waren deine schönsten Momente oder Erinnerungen?
Es gibt viele! Ich kann es nicht auf zwei oder drei Punkte reduzieren. Aber ich finde es toll, wieviel Support man für eine Idee bekommt und wie viele Menschen bereit sein können, dich bei deiner Idee zu  unterstützen.
Das finde ich bemerkenswert! Ich habe zu “Gleis 11” so viele Nachrichten erhalten, und ich lese sie mir natürlich einzeln durch, weil ich das total spannend finde. Aber auch sehr viele emotionale Nachrichten von Leuten, die ich überhaupt nicht kenne, erreichen mich. Das sind für mich sehr schöne Momente! Es ist schön zu sehen, dass Menschen, obwohl man sie überhaupt nicht kennt einem wertvolle Sachen anvertrauen und Projekte unterstützen.

Osman Yazıcı

Hast du Vorbilder?
Da würde mir jetzt nicht nur ein Name einfallen. Die Tatsache, dass mein Opa seine gesamte Familie zurückließ, in den Zug einstieg und 72 Stunden in Richtung Deutschland unterwegs war, um hier sein Leben aufzubauen, bewundere ich sehr. Und das alles obwohl er der Sprache nicht mächtig war und hier niemanden kannte. Das ist auf jeden Fall etwas total mutiges. Vor solchen Leuten habe ich großen Respekt und bewundere deren Mut. Das sind schon Vorbilder. Diesen Mut muss man erst mal aufbringen.

Alle die sich die Online-Premiere am 24. Januar zum Film Gleis 11 nicht entgehen lassen wollen, können Tickets über www.cocktailfilms.de/gleis11 kaufen.

Interview Semra Taştan

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